Zwischen Nähe und Abstand

Der sanfte Übergang in den Ruhestand – eine Einladung zum Softboarding.

Der Eintritt in den Ruhestand wird häufig als klarer Endpunkt des Erwerbslebens verstanden. Ein letzter Arbeitstag, ein offizielles Offboarding, Abschiedsworte – und dann beginnt ein völlig neuer Lebensabschnitt. In der Realität zeigt sich jedoch: Für viele Menschen ist der Ruhestand kein sauberer Schnitt, sondern ein offener, oft ambivalenter Übergang. Abschied, Neuanfang und Unentschlossenheit existieren gleichzeitig.

Gerade die Zeit nach dem formalen Ausscheiden aus der Organisation bleibt vielfach unbeachtet. Während Unternehmen den Offboarding-Prozess sorgfältig strukturieren und Individuen sich im Vorfeld gedanklich auf den Ruhestand vorbereiten, fehlt häufig ein Blick auf das „Danach“: auf jene Phase, in der sich Routinen erst neu formen, Rollen verschwimmen und frühere berufliche Identitäten nachwirken.

Viele Ruheständler berichten, dass sich die ersten Tage eher wie ein Urlaub anfühlen als wie ein endgültiger Abschied vom Erwerbsleben. Fragen der Alltagsgestaltung werden zunächst vertagt, neue Freiheiten genossen. Gleichzeitig tauchen Gedanken an frühere Projekte, ungeklärte fachliche Fragen oder der Wunsch auf, Wissen weiterzugeben. Der Impuls, noch einmal Kontakt zur alten Organisation aufzunehmen, steht dabei nicht selten im Spannungsfeld zwischen innerer Verbundenheit und dem Gefühl, „nicht mehr zuständig“ zu sein.

Mit Softboarding den Abschied bewusst gestalten

An dieser Stelle setzt das Konzept des Softboardings an. Während Offboarding das strukturierte Verlassen einer Organisation beschreibt, fokussiert Softboarding den „sanften Übergang“ in den Ruhestand selbst. Es lenkt den Blick auf den „tatsächlichen Moment“ nach dem Abschied und lädt dazu ein, diesen bewusst wahrzunehmen und zu gestalten. Softboarding bedeutet nicht zwingend Weiterarbeit, sondern Offenheit: für Abstand ebenso wie für neue Formen der Aktivität – sei es ehrenamtliches Engagement, projektbezogene Beratung oder Nacherwerbstätigkeit. Die eigene Neuausrichtung steht plötzlich im Fokus – die Beschäftigung mit sich selbst!

Besonders die Nacherwerbstätigkeit gewinnt in diesem Zusammenhang mehr und mehr an Bedeutung. Für viele Ruheständler ist sie eine Möglichkeit, fachliche Identität zu bewahren, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten und Sinn zu erleben – ohne die Verpflichtungen eines Vollzeitjobs. Gleichzeitig stellt sich die Frage nach dem richtigen Maß: Wann unterstützt der Kontakt zum früheren Arbeitgeber den Übergang, und wann verhindert er das Loslassen?

Den Ruhestand als Entwicklungsphase verstehen

Die „Kunst des richtigen Abstandes“ ist individuell und nicht in Normen zu pressen. Ein vollständiger Kontaktabbruch zum ehemaligen Arbeitsumfeld kann für manche befreiend sein, für andere jedoch einen abrupten Verlust bedeuten. Umgekehrt kann zu viel Nähe den Eindruck erwecken, der Absprung sei nicht gelungen. Entscheidend ist weniger die äußere Form als die innere Haltung: Wird die neue Lebensphase selbstbestimmt gestaltet oder aus Gewohnheit verlängert?

Bereiten Sie sich bewusst auf den Ruhestand vor, indem Sie in sich gehen: Welche Erwartungen verbinden Sie damit? Welche Gefühle tauchen auf? Was gibt Ihrem Alltag Sinn und Struktur? Setzen Sie sich kleine Ziele, entwickeln Sie neue Routinen, investieren Sie in Beziehungen und achten Sie achtsam auf Ihre eigenen Bedürfnisse – so gestalten Sie den Übergang aktiv und erfüllend.

Softboarding schafft Raum, diese Fragen ohne Zeitdruck zu erkunden. Es akzeptiert Ambivalenzen, erlaubt Kurskorrekturen und macht deutlich: Der Ruhestand ist keine statische Zielmarke, sondern eine Entwicklungsphase. Organisationen, Teams und Ruheständler selbst sind gut beraten, diesem Übergang Aufmerksamkeit zu schenken – nicht um ihn vollständig zu steuern, sondern um ihn bewusst zu begleiten.

Neue Türen öffnen sich: „Darf ich vorstellen? Hier ist ihr Ruhestand! Treten Sie ein und lernen Sie ihn kennen!“

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