Authentisch ungerecht

Da wünscht man sich etwas anderes als Authentizität – Die Stiefmutter aus Aschenputtel:

Aschenputtel ist eines der bekanntesten Märchen der Gebrüder Grimm. Eine junge Frau verliert erst ihre Mentorin, erfährt keine Unterstützung mehr durch den Senior-Manager und bekommt eine neue Vorgesetzte, die das Haus nach völlig neuen Regeln führt. Diese neue Managerin, die als Anti-Heldin bekannte Stiefmutter, verändert die Kultur der Organisation, schafft neue Machtverhältnisse und richtet das Augenmerk deutlich verstärkt nach außen. Darüber hinaus fällt auf, dass sie die junge Frau emotional und professionell in äußerst herausfordernde Situationen bringt und ihr den für die geleistete Arbeit zustehenden Lohn verweigert.

Was ist der Auftrag dieser Managerin?

In dieser stolzen neuen Hausherrin treffen wir auf eine Managerin, die eine bestehende Organisationseinheit übernimmt und die Schlüsselpositionen durch jene besetzt, die ihr nahestehen. Sie vertraut ihrem eigenen Kreis, entmachtet den alten Manager durch selbstsicheres und schillerndes Auftreten, durch Effizienz in ihrer Werbestrategie nach außen. Sie verteilt Aufgaben als Belohnungen und Strafen und zeigt auch deutlich, wer ihr nahesteht und wer nicht.

Wenn man es sich einfach machen will, kann man in dieser Geschichte der Stiefmutter, der neuen Managerin, die alleinige Schuld für die die schlechte Stimmung und die ungenutzten Ressourcen in der Organisation geben. Bei einem zweiten Blick stellt sich aber heraus, dass hier eine Verantwortung übernommen wird, die ihr auch nicht streitig gemacht wird. Der Senior-Manager lässt sie gewähren, ohne jemals einzugreifen. In manchen Organisationen gibt es zu wenig klare Aushandlung des Auftrags, der mit einer Funktion verbunden ist, was die Rollenausgestaltung schwierig macht.

Manchmal braucht es in der Führung mehr als authentisch zu agieren

Die neue Managerin wandelt ohne eine erfolgreiche Anbindung an das Wissen, das im Unternehmen bereits vorhanden ist, auf gefährlichem Boden. Dabei läuft sie Gefahr, wertvolle Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen (Nachwuchsführungskräfte) zu verlieren und setzt sich dem berechtigten Vorwurf der Ungerechtigkeit aus. Immer wieder ist in Management-Seminaren der populäre Ruf nach authentisch agierenden Führungspersonen zu vernehmen. Man möge sich nicht verstellen und eine Rolle spielen, sondern mehr man selbst sein. Nun, was man der Stiefmutter keinesfalls vorwerfen kann, ist mangelnde Authentizität. Sie steht zu ihren Prinzipien, führt autoritär über das archetypische Beziehungsmuster der Nähe (Mutter/Vater) und zeigt kein Gespür für professionelle Wertschätzung. Diese Managerin ist ein schönes Beispiel dafür, wenn fehlende Reflexionsfähigkeit oder -bereitschaft vorhanden ist und auch nicht vom System, also der darüber liegenden Führungsebene, eingefordert wird.

Professionelle Reflexion des eigenen Führungshandelns muss strukturell angelegt sein, damit sie nicht dem Zufall überlassen wird, nämlich ob eine Führungskraft diese Fähigkeit mitbringt und auch regelmäßig einsetzt. Solche Strukturen müssen in der Regel Top-Down implementiert und gut verankert werden.

Aktionismus verhindern und Transparenz fördern

Abgesehen von persönlichen Eigenschaften, die eine neue mittlere Führungskraft mitbringt, kann auch die gefühlte Erwartung rascher und effizienter Ergebnisse zu einem Übermaß an Maßnahmen führen. Einer neuen Führungskraft der mittleren Management-Ebene könnte man in der ersten Zeit jemanden aus dem bestehenden System zur Seite stellen, um ihr das Kennenlernen der wichtigen Team- und Prozess-Strukturen zu ermöglichen. Entlastend für alle Beteiligten kann auch sein, ihr zu signalisieren, dass sie nicht augenblicklich alles verändern muss, um Aktionismus zu verhindern. 

Sollte eine Managerin wie die Stiefmutter aus Aschenputtel bereits in Amt und Würden sein, kann man für ein transparentes System von Belohnungen sorgen, das klaren Kriterien folgt, um Transparenz und Fairness so gut wie möglich zu gewährleisten. Außerdem könnte es hilfreich sein, ihr und den bereits vorhandenen Mitarbeitenden ein anonymes Feedback-Instrument zur Verfügung zu stellen. 

Die Märchen der Gebrüder Grimm sind voll von Geschichten mit dem Umgang mit Macht, von Machtverlust, von Königreichen und Menschen, die die Gnade von Königinnen und Königen verlieren.

Olivia de Fontana und Sabine Pelzmann bieten in ihrem neuen Buch „Führung und Macht. Aspekte moderner Führungsrollen – gesehen in Figuren der Grimm´schen Märchen“ eine ungewöhnliche Auseinandersetzung mit der Führungsrolle, den Aufgaben und Herausforderungen von Führung. Anhand von zehn ausgewählten bekannten und auch eher unbekannten Märchen der Gebrüder Grimm geben die Autorinnen in dialogischer Form einen interdisziplinären Zugang, fernab von mechanistischen Managementmodellen.