Die stolze Prinzessin als Nachwuchsführungskraft

Was man für die Führung von Nachwuchsführungskräften im Märchen „König Drosselbart“ lernen kann?

Der alte König stellt der Prinzessin viele mögliche Freier vor, doch die Prinzessin spottet über alle, kein Freier war ihr gut genug. Sie wies einen nach dem anderen ab, die Könige, die Herzöge, die Fürsten, Grafen und Freiherren und zuletzt die Edelleute.

In den meisten Märchen geht es um persönliche Reifewege, es geht darum, vom Prinzen zum König, von der Prinzessin zur Königin zu werden. Es geht um individuelle Entwicklungsprozesse, die notwendig sind, um sich selbst und das „eigene Königreich“ gut zu führen.

Die Prinzessin symbolisiert eine junge hochtalentierte Nachwuchsführungskraft, die mit ihrem Arbeitsumfeld und ihren Kolleginnen und Kollegen einfach nie zufrieden ist, die immer wieder nur herumnörgelt, vielleicht auch aus einem perfektionistischen Anspruch heraus. Sie richtet häufig den Blick auf das Negative und demütigt sogar andere Personen. Man könnte auch von Mobbing reden und der alte König setzt diesem Führungshandeln seiner Tochter einen klaren Schlussstrich, indem er sie mit dem armen Spielmann verheiratet. In dieser Ehe wird sie dann selbst vielen demütigenden Situationen ausgesetzt.

Welche Mittel sind erlaubt, eine junge Nachwuchsführungskraft zu formen?

Es gehört zu den Aufgaben von Führungskräften, das Potenzial von Nachwuchsführungskräften und Mitarbeitenden herauszufinden und sie darin zu unterstützen, die nächsten Entwicklungsschritte zu gehen. Das wichtigste Instrument dazu ist das konstruktive Rückmeldegespräch. Nachdem die Prinzessin die Freier das erste Mal demütigte, hätte der alte König mit ihr ein Einzelgespräch führen können und konkrete Konsequenzen für sie ansprechen können. Natürlich ist es die Aufgabe von Führung, einem demütigenden Verhalten, Grenzen zu setzen. Mobbing entsteht ja oft dann, wenn zu wenig geführt wird und zu wenig klare Grenzen gesetzt werden.

Führungskräfte gestalten eine erlaubende Kultur für Mobbing wesentlich mit.

Wie geht man im Unternehmen, in der Führung, mit so einer Mitarbeiterin, einer potentiellen Nachwuchsführungskraft, um? Es geht darum, dieser jungen Frau Lernen zu ermöglichen und sie in Situationen zu bringen, in der sie lernt, konstruktiv, lösungsorientiert mit schwierigen Situationen umzugehen. Der alte König, genauso wie der Spielmann schauen sozusagen durch die Personalentwicklungsbrille auf die Königstochter. Beide sehen, welche Kompetenzen die Prinzessin hat, aber auch wo sie ihre Fähigkeiten noch weiterentwickeln muss. Im Märchen König Drosselbart muss die Königstochter Produktionsprozesse kennenlernen, um eine Königin zu werden.  

Die Märchen der Gebrüder Grimm sind voll von Geschichten mit dem Umgang mit Macht, von Machtverlust, von Königreichen und Menschen, die die Gnade von Königinnen und Königen verlieren.

Olivia de Fontana und Sabine Pelzmann bieten in ihrem Buch Führung und Macht eine ungewöhnliche Auseinandersetzung mit der Führungsrolle, den Aufgaben und Herausforderungen von Führung. Anhand von zehn ausgewählten bekannten und auch eher unbekannten Märchen der Gebrüder Grimm geben die Autorinnen in dialogischer Form einen interdisziplinären Zugang, fernab von mechanistischen Managementmodellen.