Warnung vor den Manipulatoren: Warum nicht überall Begeisterung drin ist, wo Begeisterung draufsteht

„Geistlose kann man nicht begeistern, aber fanatisieren kann man sie.“ (Marie von Ebner-Eschenbach)

Was begeistert Sie? Was muss geschehen, damit Sie in Begeisterung versetzt werden? Viele Menschen geben zu Protokoll, dass sie immer dann begeistert sind, wenn sie positiv überrascht werden; zum Beispiel, wenn sie mehr oder Besseres bekommen als sie erwartet hatten. Das kann vieles sein. Es können soziale Bonbons sein: mehr Aufmerksamkeit von Ihrem Partner, mehr Wertschätzung von der Kollegin, mehr Verantwortung vom Chef. Es können besondere Dienstleitungen sein wie der Gratis-Grappa beim Italiener, oder besondere Funktionen eines Produktes, die man noch nicht kannte – delightful features, wie das der japanische Marketing-Guru Noriaki Kano nennt.

Angesichts dessen könnte man auf den Gedanken verfallen, dass es gar nicht so schwer ist, Mitarbeiter oder Kunden in Begeisterung zu versetzen. Hier und da eine überraschende Aufmerksamkeit, dann und wann ein Sonderbonus, ab und zu ein neues Feature, das zwar niemand braucht, dem Nutzer aber doch ein Lächeln auf die Lippen zaubert. „Wow-Effekte“ gelte es zu generieren“, lautet deshalb das Credo zahlreicher Begeisterungsexperten. Und sie stellen ihren Auftraggebern in Aussicht, genau das zu tun. Dafür bieten sie ein reiches Arsenal an Tools und Tricks, das von der digital unterstützten persönlichen Kundenansprache bis zur Ausgestaltung eines begeisternden Flagship-Stores in der Innenstadt reicht.

Und tatsächlich: Kunden, die sich wertgeschätzt und wahrgenommen wissen, kommen gerne wieder.

Mitarbeiter, die mit Lob und Anerkennung überschüttet werden, gehen gern zu Arbeit. Marken, die so cool daherkommen, dass es Fans von ihnen gibt, versprechen hohe Umsätze. Also lohnt es offenbar, in professionelle Begeisterer zu investieren. Doch der Schein trügt. Denn nicht alles, was nach Begeisterung aussieht, ist auch schon Begeisterung. Und nicht alles, was die Augen eines Kunden oder Mitarbeiters zum Leuchten bringt, wird sie dauerhaft an einen binden oder motivieren. Begeisterung ist mehr als nur ein emotionaler Kick. Man erzeugt sie nicht durch manipulative Tricks oder Konditionierungstechniken. Dadurch kann man keinen guten Geist entfesseln, der die Menschen nachhaltig begeistert oder inspiriert. Dadurch trägt man eher einen Ungeist in die Welt: den Ungeist einer artifiziellen Begeisterung, mit der man Menschen lenkt, gebraucht oder missbraucht. Wer wissen will, wie das geht, kann sich an Demagogen oder Populisten halten. Hier findet man so manchen Virtuosen der Beungeisterung.

Echte Begeisterung sieht anders aus.

Sie schafft keine künstlichen Bindungen und Abhängigkeiten, sondern befreit den Menschen, seine Potenziale zu entfalten. Denken Sie nur daran, in welchen Situationen sie so richtig begeistert waren. War es nicht, als sie völlig selbstvergessen etwas taten, was so ganz das Ihre war: beim Spiel, beim Musizieren, beim Sex … oder was auch immer. War es nicht, als Sie mit Ihrem besten Freund ein inspirierendes Gespräch führten? War es nicht, als Ihnen im Wald ein Reh begegnete? So etwas kann man nicht machen. Es ist das, was uns begegnet. Wer begeistern will, tut deshalb gut daran, sich nicht auf Begeisterungstools, -speaker oder -coaches zu einzulassen. Begeisterung kann man nicht künstlich generieren. Aber man kann Räume öffnen, in denen sie von sich aus wachsen kann.

Mehr erfahren?

Begeisterung lässt sich nicht technisch herstellen, aber organisch kultivieren. In seinem Buch „Begeistern!“ stellt Christoph Quarch die Grundlagen für eine nachhaltige und solide Begeisterungskultur vor.